Wendy Holdener: «Ich bin nicht die Hauptfavoritin» – doch vieles spricht für sie
Mit 21 Jahren stand sie plötzlich mitten in ihrem Kindheitstraum, erstmals war sie bei den Olympischen Spielen dabei, 2014 in Sotschi. Etwas «naiv» sei sie damals gewesen, erzählt Wendy Holdener in Cortina. «Ich fand die offiziellen Kleider nicht schön. Und ich wollte andere Schuhe anziehen.» Holdener schied in zwei Rennen zweimal aus und lernte eine entscheidende Lektion. «Du gehst dorthin, um eine Medaille zu gewinnen, alles andere ist egal.»
Es gibt im Schweizer Frauenteam nur noch zwei Namen, welche realistisch betrachtet die Ski-Bilanz bei den Winterspielen 2026 retten könnten: Wendy Holdener und Camille Rast. Die beiden verfolgen in diesen Tagen sehr unterschiedliche Wege. Ihre Haltungen gegenüber dem letzten Olympia-Rennen könnten nicht gegensätzlicher sein.
Hier Camille Rast, die nach der verpassten Medaille im Riesenslalom so klang, als hätte sie mit den Spielen bereits abgeschlossen. Sie freue sich, dass es bald im Weltcup weitergehe, in Cortina gäbe es eh nur eine Juniorinnen-Piste mit 44 Sekunden Laufzeit. Und ohnehin: Es frage sich, wie viel eine Medaille bei solchen Voraussetzungen überhaupt bedeute.
Auf der anderen Seite Wendy Holdener, bei der es so tönt: «Es ist eine tolle Strecke. Ich finde das cool, wenn wir auf Pisten fahren, die wir nicht jedes Jahr im Weltcup haben.» Dass sie auf dem flachen Gelände schnell sein kann, zeigte sie im Slalom der Teamkombination. Hinter der Deutschen Emma Aicher gelang ihr die zweitbeste Zeit. Ein vielversprechendes Signal.
Die bittere Erfahrung von Are
Nebenschauplätze ausblenden, sich aufs Wesentliche fokussieren: Holdener scheint sich wieder einmal auf die Lehren von Sotschi zu besinnen. So geht sie auch mutige Kompromisse ein, die in der öffentlichen Wahrnehmung missverstanden werden könnten. Kurzfristig erschien sie nicht zum Olympia-Riesenslalom, um dem Energieverlust vorzubeugen und sich der Slalom-Vorbereitung zu widmen. Ob der Entscheid richtig war, wird das Resultat am Mittwoch im Slalom zeigen.
Mit ihren Handlungen an Grossanlässen lag Holdener schon oft richtig. Die 32-Jährige hat eine bemerkenswerte Medaillensammlung angehäuft. Fünf Olympiamedaillen stehen neun WM-Medaillen gegenüber. Sie sagt: «Ich mag dieses Spezielle an Grossanlässen. Mich reizt es, auf einen bestimmten Moment bereit zu sein.» Die Sammlung flunkert zwar in allen Farben, eine bedeutende Plakette fehlt ihr aber nach wie vor: Slalom-Gold.
Es gibt in der Karriere von Wendy Holdener so viele Momente, in denen sie diesem ersehnten Ziel unwahrscheinlich nahekam. Eine denkwürdige Episode spielte sich bei der WM 2019 im schwedischen Are ab. Holdener nahm aus dem 1. Lauf die Bestzeit mit in die Entscheidung. Die Goldmedaille lag bereit, doch Holdener verpasste kurz nach dem Start ein Tor. Wie so oft ging der Sieg an Mikaela Shiffrin.
In Pyeongchang 2018 fuhr Holdener zu Silber, nur fünf Hundertstel fehlten zu Gold. Bei den Weltmeisterschaften in St. Moritz 2017 und Saalbach 2025 ebenfalls Silber, einmal war Shiffrin besser, einmal Rast. In Peking 2022 wurde es Bronze. Und bei der WM in Cortina, vor fünf Jahren – ein vierter Platz.
Oft fehlt ihr die Coolness
Trainer Jörg Roten, der mehrere Jahre den Norweger Henrik Kristoffersen betreute, ist auf die vergangene Saison hin zu Swiss-Ski gewechselt und konzentriert sich primär auf Holdener. Roten brachte es einmal so auf den Punkt: «Wenn Wendy nur halbwegs ihre Trainingsleistungen in den Rennen zeigen könnte, sähe die Bilanz anders aus.» Denn manchmal fehle ihr einfach die Coolness, befand er.
Holdener stand so oft auf dem Podest, aber selten zuoberst. Das zeigen auch ihre Statistiken im Weltcup. Nur zwei Siege gab es bei total 39 Podestplätzen im Slalom. 19-mal wurde sie Zweite, 18-mal wurde sie Dritte. In ihrer bisher erfolgreichsten Weltcupsaison 2017/2018 belegte sie viermal den zweiten Platz. Viermal hätte sie gewonnen, wenn Shiffrin nicht gewesen wäre.
Shiffrin dürfte im Olympia-Rennen aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die grösste Gegnerin sein. Doch die US-Amerikanerin scheint ihr Olympia-Trauma noch nicht überwunden zu haben. Nachdem sie 2022 trotz sechs Starts leer ausgegangen war, gab sie nun auch in Cortina in der Team-Kombination mit einem schwachen Slalom die Goldmedaille her. Der 11. Platz zuletzt im Riesenslalom dürfte ihr Selbstvertrauen kaum gesteigert haben.
Holdener will nicht auf andere Namen eingehen. Sie beschäftigt sich lieber mit ihrer eigenen Performance. Und erklärt, dass sie nicht restlos glücklich ist mit ihren Resultaten in diesem Winter. Nur einmal stand sie auf dem Podest, es war in Kranjska Gora, als Rast gewann und Shiffrin Zweite wurde. Und dann gab es noch diesen Schreckmoment. In Courchevel flog sie im Zielraum über eine Welle und krachte in die Werbebande.
Doch vielleicht hat der durchzogene Winter eine positive Seite. Holdener sagt: «Ich bin jetzt nicht die Hauptfavoritin. So gesehen ist die Ausgangslage einfacher als in anderen Jahren.» Die Sterne scheinen günstig zu stehen. (riz/aargauerzeitung.ch)
